„Mehr Fortschritt wagen“, ist das Ziel der neuen Bundesregierung. Doch bereits bei Übernahme der Amtsgeschäfte wird mancherorts schon das Urteil gefällt: die Ampelkoalition sei gescheitert, bevor sie antrete. Sie erkenne zwar durchaus die drängenden Probleme im Land. Aber zu deren tatsächlicher Lösung trage sie wenig bis nichts wirklich bei. Als Beleg für die Prognose des Scheiterns von Rot-Grün-Gelb werden dann jedoch sehr oft Versäumnisse der Vergangenheit aufgelistet.
Ja, der Zustand der Infrastruktur ist marode, die langfristige Finanzierung der Sozialversicherung ist fraglich und bei der Digitalisierung liegt Deutschland weit zurück. Aber nein, dafür die Ampelregierung verantwortlich zu machen, liefert keine schlüssige Erklärung, wieso hierzulande so oft so vieles nicht (mehr) funktioniert. Vielmehr war und ist es die bleierne Schwere einer zu lange dauernden politischen Endzeitstimmung, die an so mancher Stelle Deutschland außer Betrieb setzte.
„Mehr Fortschritt wagen“ postuliert ein klares Bekenntnis zu gesellschaftlichen Veränderungen und ökonomischer Dynamik. Das allein schon ist ein Fortschritt an sich. Denn das Fortschrittsbekenntnis bricht mit einer Weltanschauung des Verzichts, der Askese und einer Rückwärts-nach-vorne-Ideologie, die letztlich nicht zu einer besseren, sondern schlechteren Zukunft führen würde.
Für die Grünen bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Denn „die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome waren in den 1970er Jahren ihre Geburtshelfer. Heute nun folgt das Eingeständnis, das sich Ökologie und Ökonomie genauso wenig ausschließen, sondern gegenseitig bedingen, wie es auch mit Wachstum und Nachhaltigkeit der Fall ist.
Das neue Wachstumsverständnis der Grünen ist die eigentliche Sensation der Ampel
Aber es ist eben nicht mehr ein blindes quantitatives Wachstumsstreben nach mehr von allem, das für die neue Bundesregierung Kompass politischer Entscheidungen und wirtschaftlichen Tuns sein darf. Nun geht es darum, klimaneutral, umwelt- und ressourcenschonend, mit weniger Aufwand und Stress den Lebensstandard der heutigen Generation zu verbessern, ohne die Chancen der Kindeskinder zu gefährden, selbstbestimmt ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
Dass eine so verstandene Nachhaltigkeit nur mit mehr und nicht mit weniger ökonomischem Wachstum zu erreichen und zu erhalten ist, war eigentlich schon immer bekannt. Dass es nun auch von den Grünen so verstanden und gehandhabt wird, ist die eigentliche Sensation der Ampelkoalition.
Ein qualitatives, nachhaltiges Wachstum bedingt mehr Bildung und besseres Wissen. Allein so wird es möglich werden, Zukunftsprobleme mit geringeren Belastungen für Klima, Umwelt, Arbeitskraft und das Familienleben zu lösen als bis anhin. Genau deshalb bedeutet „mehr Fortschritt wagen“ auch den Einstieg in ein neues öko-soziales Wirtschaftsmodell.
Statt (mehr) Waren muss (mehr) Wissen produziert werden. War Deutschland der Exportweltmeister der Nachkriegszeit und gründete seinen ökonomischen Erfolg auf dem Verkauf von hochwertigen Produkten in alle Welt, wird nun Schritt für Schritt eine neue Richtung einzuschlagen sein.
Nicht mehr so sehr mit Gütern, dafür mit neuen Ideen, modernen Technologien und innovativen Problemlösungen werden deutsche Unternehmen weltweit ihre Umsätze und Erträge zu erwirtschaften haben. Aus „Made in Germany“ wird das deutsche 5-E-Modell einer ökonomisch erfolgreichen grünen Wirtschaft: in Deutschland erfunden, entwickelt, erprobt und eingeführt, dann exportiert.
„Mehr Fortschritt wagen“ folgt der Erkenntnis, dass Deutschland mit dem Export von Wissen und Innovation im Kampf gegen Erderwärmung und für die Umwelt am meisten leisten kann – weit mehr als mit einer Verzichts-, Ausstiegs- und Enthaltsamkeitsstrategie, die den Nieder- und schlimmstenfalls Untergang der deutschen Industrie provozieren würde.
Dass der öko-soziale Weg nicht nur leeres Gerede bleibt, sondern tatsächlich beschritten wird, ist momentan Hoffnung und nicht Gewissheit. Sicher jedoch ist, dass „mehr Fortschritt“ weder problem- noch kostenlos zu haben sein wird, aber dennoch die beste aller Alternativen für kommende Generationen bedeutet – nicht nur in Europa.