Steril im Stahlkessel: Dermapharm-Produktion in Brehna, Sachsen-Anhalt© Christian Günther
Patentfreie Markenarzneien, Nahrungsergänzungsmittel, Allergie- und Cannabispräparate, der Mückenstift Bite Away – all diese Produkte kommen aus dem Haus des Pharmaherstellers Dermapharm in Grünwald nahe München. Seit Anfang des Jahres gehört nun auch das französische Pharmaunternehmen Arkopharma zum Portfolio, ist die rund 450 Millionen teure Übernahme nunmehr abgeschlossen. Mit den Franzosen will Dermapharm vor allem im Ausland zusätzliches Wachstum erzielen, um die wegbrechenden Umsätze aus der Produktionspartnerschaft mit Biontech für das Corona-Vakzin zu kompensieren. Das zeigte sich auch am Dienstag mit Vorlage der vorläufigen Jahreszahlen.
Starker Markteintritt in Südeuropa
Der Start hätte für Dermapharm in Frankreich und Spanien nach Aussage von Feldmeier nicht besser laufen können. „Wir sind beim Bite Away nach Markteinführung schon über dem Budget. Wir erreichen mit unserem Außendienst fast jede Apotheke in Frankreich“, schwärmte der Manager. Frankreich sei dabei ähnlich aufgestellt wie Deutschland, habe rund 22.000 Apotheken beziehungsweise apothekenähnliche Häuser, über die der eigene Vertrieb läuft. Diese Schlagkraft wolle man nun nutzen und weitere Produkte aus dem Dermapharm-Sortiment andocken. „Wir haben aktuell nahezu 20 Produkte in der detaillierten Marktpotential-Analyse. Das sind entweder Nahrungsergänzungsmittel oder kurzfristig frei verkäufliche Arzneimittel bis hin zu kosmetischen Produkten – alles aus dem vorhandenen Sortiment der Dermapharm“, sagte Feldmeier. Umgekehrt werde auch das Produktportfolio von Arkopharma, darunter viele Nahrungsergänzungsmittel, für die bisherigen Dermapharm-Märkte überprüft. In Europa fühle man sich nun sehr gut aufgestellt, in Amerika wolle man mit dem Mückenstift in den Markt eintreten.
Feldmeier hat sich für den Hunderte Millionen schweren Zukauf dabei klare Zielvorgaben gesteckt: Der Umsatz der Franzosen von zuletzt mehr als 200 Millionen Euro soll nachhaltig wachsen, die operative Marge (Ebitda) soll von rund 20 Prozent auf 30 Prozent gesteigert werden – innerhalb von drei Jahren. In diesem Jahr soll die Rendite von Arkopharma 23 Prozent erreichen, kündigte er an.
Erfahrung mit Übernahmen hat Dermapharm in den vergangenen Jahren viel gesammelt. Vom Darmstädter Dax-Konzern Merck übernahm Dermapharm 2020 das Allergiegeschäft Allergopharma und sanierte es innerhalb von wenigen Monaten, was auch mit einem Personalabbau einherging. Anfang 2022 schloss man den Zukauf der C⊃3;-Gruppe ab, einem Hersteller für Cannabinoide. Anfang dieses Jahres folgte schließlich die Arkopharma-Akquisition, die für Wachstum sorgen soll.
Dass die Einnahmen aus der Kooperation mit Biontech zunehmend wegbrechen, zeigt sich in den vorläufigen Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr. Der Umsatz stieg um rund 9 Prozent auf gut eine Milliarde Euro. Unter anderem profitierte Dermapharm von einer hohen Nachfrage nach Produkten zur Immunstärkung. Dennoch fielen das Wachstum und das bereinigte Betriebsergebnis etwas schlechter aus als zuletzt vom Vorstand prognostiziert.
„Die Impfstoffproduktion war so verrückt wie nichts anderes“
Schon Anfang Januar hatte das Management die Erwartungen etwas gedämpft und das mit einer zuletzt schwächeren Entwicklung der Erlöse aus der Impfstoffproduktion begründet. Der operative Gewinn (Ebitda) stieg im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent auf 360 Millionen Euro. In diesem Jahr soll der Umsatz zwar auf eine Spanne von 1,080 bis 1,110 Milliarden Euro zulegen. Der operative Gewinn wird hingegen spürbar auf 300 bis 310 Millionen Euro zurückgehen. An der Börse kamen die Zahlen zunächst nicht gut an. Später erholte sich das im S-Dax notierte Papier aber, wobei die Aktie in einem Jahr ohnehin rund 35 Prozent an Wert eingebüßt hat.
Im vergangenen Jahr entfielen nach Analystenschätzungen zwischen 180 und 200 Millionen Euro an Umsatz auf die Biontech-Kooperation. Dermapharm hat für die Mainzer das Abfüllen und Verpacken übernommen und damals innerhalb kurzer Zeit Maschinen umgestellt und nachgerüstet. „Die Impfstoffproduktion war so verrückt wie nichts anderes“, resümiert Feldmeier die vergangenen Jahre. Derzeit sei man mit Biontech im Gespräch, um einen Teil der Kapazitäten für die sogenannte Pandemiereserve bereitzustellen.
Dass Dermapharm damals so schnell für Biontech produzieren konnte, liegt nach Ansicht Feldmeiers auch in der eigenen hohen Wertschöpfungstiefe begründet. Die sieht er grundsätzlich als Vorteil. „Die Positionierung unseres Unternehmens ist einmalig und zukunftsweisend, weil zunehmend verstanden wird, dass die pharmazeutische Industrie signifikanter Bestandteil der kritischen Infrastruktur ist. Die Versorgung aus Europa heraus stellt deshalb einen besonderen Wert dar“, ist er überzeugt. „Damit haben wir bessere Voraussetzungen als unsere Wettbewerber“, sagte Feldmeier.