Zitat von Gast am 24. Oktober 2023, 06:17 Uhr
Milliardendeal mit Öl und Gas: Was Robert Habeck nicht versteht
19.10.2023, Berlin: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD, r.) und Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, unterhalten sich im Plenum des Deutschen Bundestages. © dpa
Die Attraktivität fossiler Brennstoffe ist trotz der Diskussion um Klimawandel und erneuerbare Energien offenbar ungebrochen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben die Bewertungen von europäischen Öl- und Gasunternehmen sogar zugenommen, wegen der „Verlagerung ihres Schwerpunkts von kohlenstoffarmer Energie zurück auf fossile Brennstoffe“, so Bloomberg. Doch am deutlichsten profitieren die amerikanischen Konzerne, allen voran Chevron und Exxon.
Die Amerikaner nutzen nämlich die Gunst der Stunde, um die Konsolidierung in der Branche voranzutreiben. So kündigte Chevron am Montag die Übernahme seines Konkurrenten Hess für 53 Milliarden Dollar an. Die Transaktion erfolge über einen Aktientausch, teilte das Unternehmen mit. Hess-Chef John Hess soll nach Abschluss der Übernahme in den Verwaltungsrat von Chevron einziehen. Kürzlich hatte Konkurrent ExxonMobil die Übernahme von Pioneer Natural Resources für fast 60 Milliarden Dollar angekündigt.
Hinzu kommen Förderfelder im Golf von Mexiko und im Bakken, einem kleineren Schieferbecken in den USA. Das Unternehmen kündigte bereits an, die Dividende entsprechend erhöhen zu wollen. Der Deal werde Chevrons geschätzte fünfjährige Produktions- und Free-Cashflow-Wachstumsraten steigern und bis ins nächste Jahrzehnt hinein verlängern, heißt es in der Erklärung. Auch die Erträge für die Anleger werden steigen, da das Unternehmen erwartet, im Januar eine Erhöhung seiner Dividende für das erste Quartal und nach Abschluss der Transaktion weitere Aktienrückkäufe im Wert von 2,5 Milliarden US-Dollar zu empfehlen.
Für den CEO von Hess, Mike Wirth, sind Öl und Gas nicht des Teufels, erst vor wenigen Wochen sagte er der Financial Times, Chevron verkaufe ein Produkt, das „die Lebensqualität auf diesem Planeten zum Besseren verändert“ habe. Wirth sagte, sein Unternehmen werde zwar versuchen, mit Kritikern in Kontakt zu treten, „um Teil der Lösung zu sein“. Aber er machte auch deutlich: „Das kann uns nicht von dem abhalten, was wir tun.“ Die Kultur von Chevron basiere „auf Integrität und dem tiefen Glauben, das Richtige zu tun“. Wirth: „Wir verkaufen kein Produkt, das böse ist. Wir verkaufen ein Produkt, das gut ist.“
Anders als die Konkurrenten BP und Shell lehnt Wirth einen aggressiveren Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Zukunft ab. Geringere Emissionen seien wichtig, dürften aber nicht auf Kosten einer erschwinglichen und zuverlässigen Energieversorgung gehen. Er kritisierte die Internationale Energieagentur und deren Prognosen, wonach die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen vor dem Jahr 2030 ihren Höhepunkt erreichen und danach rückläufig sein werde. Wirth: „Man kann Szenarien erstellen, aber wir leben in der realen Welt und müssen Kapital bereitstellen, um den Anforderungen der realen Welt gerecht zu werden.“
Diese Auffassung scheint sich auch bei einigen Anlegern durchzusetzen. So haben Öl- und Gaswerte in den vergangenen Monaten konstant zugelegt. Und die jüngsten Börsengänge in dem Segment waren, wenn auch nicht spektakulär, so doch erfolgreich: Kodiak Gas Services und Atlas Energy Solutions legten nach dem Start mit 11 Prozent und 20 Prozent ansehnlich zu. Einen der Gründe sehen Beobachter in der Tatsache, dass sich die amerikanischen Schiefergas-Unternehmen nach herben Verlusten von der ersten Goldgräberstimmung und allzu hochfahrenden Plänen verabschiedet haben und aktuell langfristig und solide planen. Die Unternehmen haben sich darauf eingestellt, dass Öl und Gas vermutlich noch länger profitable Investments sein dürften. Auf diesem Weg sei eine verlässliche Rendite zu erzielen, die Zeit der Strohfeuer an den Aktienmärkten sei im Hinblick auf Fracking schon länger vorbei. Allerdings profitieren die amerikanischen Konzerne auch stark vom Ausstieg der deutschen Wirtschaft aus russischem Gas und Öl. Während speziell das Fracking-Gas früher keine Chance hatte, preislich mit dem Pipeline-Gas aus Russland mitzuhalten, haben die amerikanischen Unternehmen nun Deutschland als einen wichtigen Abnehmer gewonnen. Deutschland zahlt für das Flüssiggas (LNG) aus den USA deutlich höhere Preise als früher für das russische Gas, weshalb die Gewinnprognosen für die amerikanischen Unternehmen endlich eine solide Grundlage erhalten.
Eine Inbetriebnahme von Nord Stream 1, wie jüngst vom russischen Präsidenten Wladimir Putin angeboten, kommt für Deutschland vorerst nicht infrage. Allerdings hatte auch Altkanzler Gerhard Schröder im Interview mit der Berliner Zeitung angeregt, die Nutzung der Pipelines wieder in Erwägung zu ziehen.
Das Unternehmen Hess hat eine lange Bilderbuch-Geschichte: Es wurde 1933 vom 19-jährigen Leon Hess gegründet, der zunächst einen einzigen Tanklastwagen besaß. Schließlich hatte er eine Flotte und kaufte einen Ölterminal in New Jersey. 1948 kaufte Hess seinen ersten Öltanker, 1957 baute er eine Ölraffinerie und 1960 eröffnete er die erste seiner typischen Tankstellen. Als Leon Hess 1995 in den Ruhestand ging, hatte er ein multinationales Unternehmen mit Niederlassungen in der Nordsee, in Alaska und in der Karibik aufgebaut.