Hoch hinaus: Wolffkran, das sind unter den Kranherstellern die „Roten“, aber Geschäftsführer Peter Schiefer will aus der Farbenlehre kein Dogma machen.© Samira Schulz
Ein Kranfahrer braucht viel Geschick. Eine Last pendelfrei zu bewegen und auf den Punkt abzusetzen benötige Erfahrung, sagt Peter Schiefer, Eigentümer von Wolffkran, dem ältesten Kranhersteller der Welt, der in Heilbronn seine Wurzeln hat. Ein elektronisches Assistenzsystem könne Abhilfe schaffen. Mit ihm steuere nicht mehr der Bediener das Ungetüm, durch dessen Bewegung die Last in Schwingung versetzt wird, sondern vielmehr die Last selbst. Möglich machen dies zwei akkubetriebene Sensoren an der Laufkatze und Unterflasche des Hakens. Sie erkennen die Bewegungen des Seils und passen diese und die Geschwindigkeit des Krans automatisch an, wie Schiefer erläutert. „Sogar pendelnde Lasten können so zum Stillstand gebracht werden.“
Der Manager, der Wolffkran neues Leben eingehaucht und wieder zum Erfolg geführt hat, ist noch nicht lange Eigentümer. „Bei Siemens ist mir klar geworden, dass es mein Wunsch ist, Unternehmer zu werden.“ Jährlich werden in Heilbronn und im brandenburgischen Luckau rund 200 Krane gebaut. „In drei Jahren wollen wir 350 bis 400 Krane pro Jahr produzieren“, sagt Schiefer. Ein ehrgeiziges Ziel angesichts des Krieges in der Ukraine. Der Stahlpreis sei mit Kriegsbeginn „durch die Decke“ gegangen. Der Mittelständler konnte die Preiserhöhungen nicht komplett an die Kunden weitergeben, weil es langfristige Verträge mit ihnen gibt. „Einen Teil der Kosten mussten wir selber tragen.“ Die Produktion in Russland mit 80 Beschäftigten wurde geschlossen. „Da warten wir jetzt mal ab, was passiert.“
In der Produktion am Stammsitz in Heilbronn macht dem Unternehmen nicht nur der hohe Preis für Stahl zu schaffen.© Samira Schulz
Mit dem Start des Krieges musste sich Wolffkran auch nach neuen Stahllieferanten umsehen. „Wir haben einen großen Teil des Stahls aus der Ukraine bezogen. Die Ausfälle sind aber schnell ersetzt worden.“ Inzwischen kommt der Stahl aus Polen, Ungarn, der Slowakei oder Rumänien. Der Preis ist wieder etwas gesunken. Aber: „Der Stahlpreis ist immer noch 25 bis 30 Prozent über dem Vorkriegsniveau.“ Im Jahr verbaut das Unternehmen 30.000 Tonnen Stahl.
Damit auch das Management mal die Erfahrung sammeln konnte, wie ein Kran zusammengebaut wird, ist die ganze Mannschaft vor Längerem in Luzern zusammengekommen. Zwei Techniker gaben Hilfestellung, wenn Schiefer und seine Kollegen nicht weiterkamen, erinnert sich der 55-Jährige. Wenn man in 40 Metern Höhe in einem Kran arbeitet, kann es einem schnell ganz anders werden. Das weiß nun auch Schiefer aus eigener Erfahrung. „Man hat mir das Seil in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll es vorne am Ende des 45 Meter langen Auslegers einhängen.“ Er lehnte dankend ab. „Ich habe mich nicht getraut. Das ist der Punkt gewesen, wo ich wusste, dass ich an meine Grenzen komme“, erzählt er rückblickend.
Neben viel Ausrüstung benötigen Kranführer auch viel Geschick.© Samira Schulz
Hauptsitz der Wolffkran Holding AG ist der schweizerische Ort Baar. Schiefer ist Delegierter des Verwaltungsrats. Der ist nicht mit dem Aufsichtsrat in Deutschland gleichzusetzen, denn im Gegensatz zu diesem ist der Verwaltungsrat nicht nur Aufsichtsorgan, sondern auch für die Leitung der Gesellschaft verantwortlich. Hier kümmert er sich seit Längerem um die Expansion, hauptsächlich im Ausland. Außerhalb Deutschlands werden etwa 80 Prozent des Umsatzes erzielt.
Deshalb kann es sein, dass demnächst der große Schritt nach Nordamerika erfolgt. Es werde dort über eine Produktion oder Endmontage nachgedacht. Das könne schnell gehen, sagt Schiefer, der dort bereits mit Standorten vertreten ist.
Das Geschäft der Laufkatz- und Wippkrane brummt. Vor allem das Mietgeschäft. Etwa 800 Mietkrane seien im Angebot. „Jeder mietet, von den kleinen bis zu den großen Bauunternehmen.“ Deshalb ist der Mittelständler auch in das Leasinggeschäft eingestiegen. Es wurde eine Leasinggesellschaft gekauft, die ihre Geschäfte vom benachbarten Ilsfeld aus betreibt und seit Ende vergangenen Jahres aktiv ist. „Unsere Leasinggesellschaft wird überrannt von Anfragen.“ Die Leasingaktivitäten seien zunächst auf Deutschland, Österreich und die Schweiz beschränkt. „Wir bekommen aber aus jedem Land Anfragen, in dem wir tätig sind. Es kann sein, dass wir die Leasingaktivitäten schrittweise ausbauen.“
Der erste Kunde entschied sich für ein Modell des Konkurrenten Liebherr. „Wir finanzieren auch die Gelben“, sagt der Rheinländer grimmig. Wolffkran ist seit jeher rot, die Konkurrenz gelb. Aber viele Bauunternehmen haben ihre Hausfarbe, und deshalb werde ein Kran auf Wunsch des Kunden in jeder Farbe lackiert.
Komische Situation auf den Märkten
Wolffkran kam in den vergangenen Jahren bei vielen Großprojekten zum Einsatz, so beim Bau des neuen World-Trade-Centers in New York sowie im arabischen Raum. Die Konjunktur im Bausektor aber macht den Unternehmer nachdenklich. „Aktuell herrscht eine ganz komische Situation. Durch die schlechte Baukonjunktur kommt es zu Verzögerungen von Großprojekten. Auch der Wohnungsbau lahmt, hier spüren wir die Unsicherheit.“ Vor allem in Deutschland und Österreich. „Die anderen Märkte entwickeln sich gut.“
Doch nicht nur beim Bau von Infrastruktur kommen die roten „Wölffe“ zum Einsatz, sondern auch bei der Errichtung von Windkraftanlagen. Hier sei die Nachfrage global sehr hoch. Denn die Windräder werden immer höher. Es geht inzwischen um Nabenhöhen von 150 bis 180 Meter. „Da sind Mobil- und Raupenkrane nicht mehr einsetzbar. Außerdem wird für sie eine Ablagefläche von 100 bis 200 Metern benötigt. Dafür eine Schneise in den Wald zu schlagen ist auch nicht umweltfreundlich.“ Ein weiterer Vorteil sei, dass die Bauteile für einen Turmdrehkran per Lastwagen transportiert werden können. „Der kann auf ganz normalen Waldwegen fahren und macht normalerweise fast nichts kaputt.“
Der Transport der Bauteile sei immer ein logistischer Aufwand. „Er wird nicht nur immer teurer, sondern auch immer schwieriger, Genehmigungen zu bekommen. Jeder Lastwagen weniger ist gut.“ Ein Kran wiegt rund 150 Tonnen, jedes Kilogramm weniger bedeutet langfristig weniger Kosten. Kohlefaser sei kein Ersatz für Stahl, die sei zu anfällig. Die Schwaben setzen beim Stahlseil an, das gleicht einer kleinen Revolution. Denn das Seil der Zukunft besteht aus Chemiefasern. So investierte Wolffkran in den Seilspezialisten Trowis, um eine Faserverbundkonstruktion mitzuentwickeln. „Das Kunststoffseil wiegt nur ein Fünftel des Stahlseils, und bei uns kann es in jedem Kran verwendet werden.“ Ohne Umbaumaßnahmen am Kran. Tragfähigkeit sowie Handhabung bei Transport, Montage und Seilwechsel sollen sich zudem verbessern.