Die Lage in Shanghai entspannt sich ein wenig. Doch warten immer noch Hunderte Schiffe vor dem Hafen, andere steuern ihn gar nicht erst an. Der Corona-Lockdown wird massive Folgen haben – auch für Handelspartner in Europa.
Der strikte Corona-Lockdown in Shanghai beeinträchtigt den größten Containerhafen der Welt massiv – und sorgt für neue Verwerfungen im globalen Schiffsverkehr. Laut dem Datenanbieter VesselsValue stehen mehr als 300 Frachtschiffe vor dem Hafengebiet der chinesischen Wirtschaftsmetropole im Stau, um be- oder entladen zu werden.
Der Lockdown in der chinesischen hält seit mehr als drei Wochen an. Am Mittwoch zeichnete sich eine leichte Beruhigung der Lage ab: Die Behörden meldeten am Mittwoch keine neuen Infektionsfälle in zwei Stadtbezirken. Das weckt die Hoffnung, dass die strengen Ausgangsbeschränkungen gelockert und zumindest einige Fabriken allmählich wieder die Arbeit aufnehmen können. Doch selbst, wenn die strengen Beschränkungen aufgehoben werden, wird sich der Stau vor dem Hafen nicht so schnell auflösen.
"Die Wartezeiten betragen je nach Terminal zwischen drei Tagen und einer Woche, manchmal sogar mehr", sagte Peter Sand, Chefanalyst des auf Schifffahrt spezialisierten Analysehauses Xeneta, dem SPIEGEL. Die Abfertigung im Hafengebiet laufe derzeit nur etwa auf einem Viertel der normalen Kapazität. "Wir werden die Folgen rund um die Erde monatelang spüren."
Es mangelt an Truckern
Im Hafengebiet von Shanghai wurden 2021 mehr als 47 Millionen Standardcontainer umgeschlagen, mehr als an jedem anderen Ort der Welt. Doch der Ende März verhängte Lockdown bremst den Betrieb aus. Vor allem bei Importen gebe es massive Verzögerungen, sagt Sand. Dass der Hafen überhaupt noch operiert, liege daran, dass Arbeiter seit Wochen in einer »Coronablase« zusammenleben: abgeschirmt vom Rest der Welt.
Angesichts der Sorge vor Lebensmittelengpässen in Shanghai würden Schiffe mit dieser Fracht nun bevorzugt an den Terminals abgefertigt. Aber: "Wenn die Schiffe entladen werden, fehlt es oft an Truckern, um diese Container abzutransportieren", sagt Sand. Die Lkw-Fahrer unterliegen oft selbst strengen Restriktionen.
Auch bei den Exporten gibt es teils erhebliche Verzögerungen. Einige Reedereien haben ihre Schiffe daher aus dem Stau vor Shanghai abgezogen, andere steuern das Hafengebiet gar nicht erst an. Allerdings wurden zuletzt auch in anderen chinesischen Großhäfen wie Guangzhou oder Ningbo coronabedingte Einschränkungen verhängt.
Experte Sand erwartet neue Störungen der globalen Lieferketten: selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Lockdown in Shanghai bald aufgehoben werden sollte. Denn in den Wochen danach werden in den Empfängerhäfen in Amerika und Europa erst wenige Schiffe ankommen – und dann zu viele auf einmal. Die nächsten Frachterstaus in anderen Erdteilen sind programmiert.